Uriger Schwede im Test: Volvo S60 D3 Momentum

Studienräte, Lehrer, Doktoranden: Das ist die in beinahe allen Köpfen dieser Welt vorherrschende Zielgruppe eines Volvos. Dürfen es noch weitere Klischees sein? Wie zum Beispiel das des dicken Schwedenstahls, der bis heute noch in den skandinavischen Autos mit dem einprägsamen Logo zur höheren Sicherheit verbaut werden soll? Volvos waren alleine schon wegen der Klischees, die um sie herumgesponnen wurden, immer eine Spur extravaganter und deutlich seltener im Straßenbild anzutreffen als die deutsche Konkurrenz von Mercedes, Audi oder BMW. Und vor allem dem Ruf der Sicherheit, der Volvo vorauseilt, entspricht auch unser Testkandidat, den wir zwei Wochen lang quer durch die Republik pilotiert und genauer unter die Lupe genommen haben: der Volvo S60 D3 Momentum.

Volvo S60 D3 12Lange vorbei die Zeiten, in denen man den dicken Schwedenstahl den Autos aus dem schneereichen Norden schon von weitem ansah. Angriffslustig, sportlich und edel zugleich wirkt die Frontpartie der Mittelklasselimousine, die insbesondere gegen A4, Dreier und C-Klasse in Deutschland ankämpfen muss. Am Heck gehen die Schweden eigene Wege und verzichten auf langweiliges Stufendesign. Die große, flachstehende Heckscheibe fließt in den Kofferraumdeckel, der knapp und kurz mit einer scharfen Abrisskante endet. So geht feines Design abseits vom Stufenheck-Einheitsbrei.

Im Innenraum spannt sich schick abgenähtes Leder um die gut konturierten und sehr bequemen Sitze (ab 1.350 Euro in der Momentum-Ausstattung, Serie in Summum). Die schwebende Mittelkonsole mit etwas überfrachteter Schalterklaviatur kennen wir schon aus anderen Modellen. Die verwendeten Materialien wirken durchweg hochwertig und schnell ist eine angenehme Sitzposition gefunden. Die coupéhaft heruntergezogene Seitenlinie erschwert großgewachsenen Personen zwar etwas den Zugang zum Fondabteil, doch einmal angekommen, haben auch sie ausreichend Platz.

Volvo S60 D3 30Sobald man in einem Volvo sitzt, umfängt einen automatisch das Gefühl der Geborgenheit. Selbst wenn sich besagter Schwedenstahl wohl nur nach elektronischer Konvertierung im S60 wiederfindet. Denn spätestens beim Durchklicken des allerdings kompliziert, fummelig und altbacken wirkenden Infotainment-Systems stellt sich eben jenes Sicherheitsgefühl ein. Dort findet sich nämlich jene Armada von Assistenzsystemen, die man zuvor in der Aufpreisliste mit einem Haken versehen hat (oder man wählt gleich das Fahrerassistenz-Paket Pro für 2.150 Euro). Abstandsassistent, Kollisionswarnung, Toter-Winkel-Assistent und Spurverlassenswarnung sind nur vier der fast unzähligen kleinen Helferlein, die das Fahren im S60 so angenehm und sicher wie nur möglich machen sollen. Und wer sich durch die Liste klickt, bekommt tatsächlich das Gefühl, dass ein selbstverschuldeter Unfall nur noch vorsätzlich passieren kann.

Volvo S60 D3 4Doch unsere Absicht ist nicht die Kaltverformung des schönen Blechs, sondern die Fahrt ansich. Unter der Haube des S60 D3 schlummert nämlich ein ganz besonderes Exemplar schwedischer Motorenkunst: Ein Fünfzylinder-Diesel mit 136 PS. Somit hat Volvo seinen Mitbewerbern zumindest schon mal einen Zylinder Voraus. Und wer anfangs ob der technischen Daten (136 PS bei 1.639 Kilogramm Leergewicht) eher mit etwas nüchternen Vorstellungen an die Limousine herangeht, wird mit dem Tritt aufs Gaspedal schnell eines besseren belehrt.

Denn: Der D3 geht richtig gut! 350 Newtonmeter wuchtet der Zweiliter ab 1.500 U/min auf die Kurbelwelle. Mit bärigem Antritt ab Leerlaufdrehzahl schiebt der Diesel in sonst nur von deutlich größeren Maschinen bekanntem Verhalten an. Spürbares Turboloch? Fehlanzeige! Stattdessen eine gleichmäßige Beschleunigung über hohe Drehzahlen hinweg, in 10,8 Sekunden geht es bei Bedarf auf Tempo 100 und Schluss ist erst bei 205 km/h. Von diesem Antrieb kann sich die vierzylindrig befeuerte Konkurrenz eine große Scheibe abschneiden. Unverständlicherweise verkündete Volvo vor kurzem das Aus für diese Motorenpalette. Auch der S60 wird in Zukunft mit einem Zylinder weniger auskommen müssen.

Volvo S60 D3 16Dabei muss sich der Schwede auch in Punkto Ökonomie nicht verstecken. Zahm und vorausschauend gefahren steht locker eine Fünf vor dem Komma der Verbrauchsanzeige und der 70 Liter große Tank gewährt dann Reichweiten von gut 1400 Kilometern. Geht es flotter zu, sind bis zu 7,6 Liter pro 100 Kilometer möglich, doch auch das liegt in Anbetracht der dann vorherrschenden Fahrweise und des dennoch absolut komfortablen Vorankommens im S60 D3 völlig im Rahmen. Allzu sportliche Naturen mögen den Verbrauch auf acht Liter pro 100 Kilometer hochtreiben können – wir haben es nicht geschafft. Zugegebenermaßen ist auch hier der von Volvo angegebene kombinierte Wert von 4,3 Litern auf 100 Kilometer sehr optimistisch ausgefallen.

Für sportliche Ausflüge hat Volvo noch eine weitere Ausstattungsoption zum Ankreuzen in die lange Preisliste des S60 eingefügt. Das adaptive Fahrwerk (1.250 Euro) lässt sich – neben der vorzüglich zum Volvo passenden Stellung „Comfort“ – in zwei weiteren Stufen anpassen. Diese zwei Stufen heißen „Sport“ und „Advanced“ und alleine die Existenz dieser zwei Knöpfe in der Mittelkonsole einer 136-PS-Mittelklasselimousine könnten durchaus ein Schmunzeln hervorrufen. Wer dann noch auf einer Straße mittleren Zustands unterwegs war und sich „Sport“ oder „Advanced“ zugewendet hat, vermag sich kaum noch auf dem Stuhl zu halten. Beide Modi sind für den normalen Straßenverkehr  unnötig hart, die kaum bessere Kurvenlage auf verschlungenen Landstraße wird mit einem dicken Minus auf der Komfortseite erkauft und eignet sich in der Folge höchstens für Möchtegern-Rennfahrer, die sich in die „Manta, Manta!“-Zeit zurückträumen und jeden Kieselstein, den sie gerade überfahren haben, einzeln am so gern zitierten Gefühl im Popometer identifizieren möchten. Unser Tipp: sparen Sie sich den Aufpreis.

Gönnen Sie sich lieber die schon von uns im V40 für gut befundene Sechsgang-Automatik. Denn die serienmäßige Handschaltung funktioniert zwar exakt, nervt allerdings mit etwas zu langen Schaltwegen. Außerdem leidet die Bedienbarkeit der Schaltung ungemein, wenn man die dahinter angebrachten Cupholder ihrer tatsächlichen Funktion zuführt. Selbst kleine Flaschen stören bei jedem Schaltvorgang erheblich und eine Einliterflasche konnten wir während der Fahrt gar nicht erst ausprobieren. Doch das konnte unseren positiven Eindruck letztlich kaum schmälern. Und auch für alle Nicht-Studienräte, die sich demnächst auf die Suche nach einer Mittelklasselimousine machen wollen, gilt: Bei Volvo gibt es eine ebenbürtige Alternative zur deutschen Konkurrenz – und noch ist sie mit dem famosen Fünfzylinder bestellbar.

Galerie: Volvo S60 D3 Momentum

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Technische Daten*:
Modell: Volvo S60 D3 Momentum
Motor: Fünfzylinder-Turbo, 1984 ccm
Leistung: 100 kW / 136 PS bei 3500 U/min
Drehmoment: 350 Nm bei 1500 bis 2.250 U/min
Antrieb: Front, Sechsgang-Handschaltung (opt. Sechsgang-Geartronic)
Gewicht: 1639 Kg
Abmessungen (LxBxH): 4,63 x 1,86 x 1,48
Verbrauch: 4,3 Liter/100 Km Diesel
0-100km/h: 10,2 Sek.
Vmax: 205 km/h
Preis: ab 34.700 Euro
* Herstellerangaben