Fahrbericht Volvo XC90 D5 Heico

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Nein, der jüngste ist er tatsächlich nicht mehr und ihn als „Best Ager“ zu bezeichnen wäre nur heuchlerische Schmeichlerei, denn er feiert in diesem Jahr bereits sein zehnjähriges Marktjubiläum. In der heutigen Automobilwelt ist das eine Ewigkeit und ein Ende der Produktion ist noch in weiter Ferne. Erst 2014 soll sein Nachfolger bei den Händlern stehen. Grund genug für das Autofahrer Magazin, einen alten Bekannten nochmal neu unter die Lupe zu nehmen. Gemeint ist der Volvo XC90, das große SUV der Schweden.

Schon bei der ersten Begegnung mit dem Siebensitzer überrascht, dass man dem 4,8 Meter langen und 1,9 Meter breiten Volvo sein Alter nicht anmerkt. Nahezu zeitlos wirkt das Design, das mehr an einen Kombi, als an einen Geländewagen erinnert. Doch ganz ohne optische Korrekturen steht unser XC90 nicht da, schließlich handelt es sich um das von Haustuner Heico Sportiv verfeinerte Diesel-Topmodell mit Namen D5 Executive. Für satte 14.000 Euro Aufpreis macht das in Weiterstadt bei Darmstadt ansässige Unternehmen aus dem SUV einen echten Hingucker. Bildschöne 20-Zoll-Felgen mit üppigen 265/45er Gummis, dazu ein Sportfahrwerk, das den knapp 1,8 Meter Hünen rund 30 Millimeter der Erde näher bringt, und ein nicht zu dick auftragendes Bodykit wirken wie ein gekonnter chirurgischer Eingriff. Nur am Heck schoss die plastische Operation etwas über das Ziel hinaus. Die Vierrohr Abgasanlage ist beim noblen XC90 so unpassend, wie Botox bei Cameron Diaz. Vor allen Dingen, wenn aus den vier Chromblenden nur ein laues Diesel Lüftchen entfleucht.

Doch auch wenn das Lüftchen am Heck lau sein mag, genügend Feuer steckt unter der Haube des 2,2-Tonnen-Wickingers allemal. Knapp 230 PS mobilisiert der 2,5-Liter-Turbodiesel unter der Motorhaube und ist damit 28 PS stärker als das Serienmodell mit 200 PS. In Kombination mit 460 Newtonmeter (vormals 420 Nm) klingt das ordentlich, enttäuscht aber im täglich Fahrbetrieb. Zu groß die Anfahrschwäche, zu spitz der Leistungseinsatz. Die Folge: Ein beherzter Tritt aufs Gaspedal im Stand quittiert der Heico Sportiv-Fünfender mit einer Gedenksekunde, um dann wie vom Elch in den Allerwertesten getreten mit quietschenden Vorderreifen davon zustürmen. Durchdrehende Vorderräder? Bei einem Allrad-SUV? Hier wird klar, dass der XC90 auf einer Frontantriebsplattform basiert, die auch in der Allradvariante den Kraftfluss an die Hinterachse nur bei Bedarf freigibt. Und das funktioniert beim flotten Ampelstart einfach zu langsam.

Doch rollt die Fuhre mal, kommt man schnell in den Genuss des butterweich schaltenden Sechsgang-Wandlerautomaten. So verschliffen, wie hier der Gangwechsel vonstatten geht, erlebt man das im Zeitalter der Doppelkupplungsgetriebe kaum noch. Leider meint das Getriebe jedoch, diese Kunst häufiger vortragen zu müssen, als notwendig. Das hohe Fahrzeuggewicht lässt das Getriebe bei der Gangwahl beim leichtesten Gasstoß hadern und schaltet lieber einen Gang zurück. Damit kommt  eine unnötige Unruhe in diesen Volvo, der sich speziell auf Autobahnen bei gepflegten 140 km/h am wohlsten fühlt. Der Reihenfünfzylinder brummt dann beruhigend vor sich hin und mit der hohen Sitzposition bekommt der Fahrer das Gefühl vermittelt, alles im Griff zu haben. Bis zur nächsten Querfuge.

Die reißt einen nämlich wieder hart aus allen Langstreckenträumen. Hier hat Heico scheinbar zu viel des Guten gewollt. Sicherlich hat man die XC90 typischen Kritikpunkte, wie indirekte Lenkung und schwammiges Fahrverhalten gekonnt eliminiert, doch leider auf Kosten des Abrollkomforts. Vielleicht würden die optional angebotenen 19-Zoll-Felgen diesen Makel abschwächen, denn zum richtigen Kurven-Wetzen eignet sich der Wikinger eigentlich nicht. Dafür fehlt allen Insassen einfach schon der notwendige Seitenhalt auf den sieben Sitzplätzen. Hoffnungslos rutscht selbst der Fahrer auf dem wunderbar duftenden und herrlich verarbeiteten Ledergestühl umher, wenn er mal etwas forscher eine Kurve angeht.

Doch die flotte Kurvenfahrt war nie das Ziel der Schweden. Vielmehr schielte man bei der Entwicklung dieses Fahrzeugs in die USA, wo sich der XC90 bis heute blendend verkauft – und das, obwohl das Innenraum Konzept nicht wirklich überzeugt. Die Sieben Sitzplätze sollten nur von möglichst schmächtigen Mitteleuropäern mit kurzen Beinen bestiegen werden, denn die Schenkelauflagen sind in den vorderen beiden Sitzreihen einfach zu kurz. Einen typischen XXL-Amerikaner mag man sich hier nicht vorstellen. Die dritte Sitzreihe hingegen ist nur etwas für gelenkige Kinder und bleibt daher häufig ungenutzt. Leider fressen diese zwei Hintersteb-Sitzplätze im wggeklappten Zustand viel Stauraum, da sie genau auf dem hinteren Differenzial thronen. Was bleibt, ist also nur ein durchschnittliches Raumgefühl.

Durchschnittlich ist leider auch das Bedienkonzept des reifen Geländeherren. Hier merkt man am deutlichsten, was sich in den letzten zehn Jahren in der Automobilentwicklung getan hat. Zu viele Knöpfe, die teilweise willkürlich im ansonsten nett angerichteten Cockpit verteilt scheinen und ein Navigationssystem, das die komplette AM- Truppe fast in den Wahnsinn getrieben hat. Eine Menüsteuerung auf der rechten Seite hinter dem Lenkrad und irreführende Begriffe in der Menüführung, die die Testfahrer an ihren Deutschkenntnissen zweifeln ließen, sorgten für Navigationsfrust, statt nordischer Entdecker Lust.

Trotzdem muss man dem Volvo XC90 D5 Executive Heico Sportiv ein befriedigendes Zeugnis ausstellen. Denn für sein Alter schlägt er sich wacker, ist in der Basis rund 5.000 Euro günstiger als die deutsche Premium-Konkurrenz und lässt sich bei normaler Fahrweise mit rund 8,5 Litern Diesel auf 100 Kilometer bewegen. Wer natürlich die komplette Volvo Sonderausstattungsliste und das Heico Programm dazu wählt landet bei knapp 74.000 Euro. Ein stolzer Preis, der aber auch einen ganz individuellen Auftritt zwischen all den Q7, ML, X5 und Touareg garantiert.

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