Fahrbericht Nissan Juke Turbo

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Sollte man im automobilen Einerlei nicht froh sein über jeden Ausreißer, der der gleichförmigen Masse den imaginären Design-Stinkefinger zeigt? Im Falle des Juke kann man guten Gewissens sagen: Jein!

Aber fangen wir doch vorne an. Wirklich oft sieht man den Juke nicht auf deutschen Straßen. Darum war es ein großes Anliegen, den dunkelroten Power-Zwerg sofort nach Eintreffen in der Redaktion genauestens unter die Blechkleid-Lupe zu nehmen. Auf den ersten Blick wirkt alles unharmonisch – hier rund, da spitz, dort eckig. Vorne bullig und potent, hinten ernüchternd schmal und darüber hinaus kein Hinweis auf die immerhin 190 PS, die im engen Motorraum recht eingequetscht schlummern. Und das nach hinten stark abfallende Dach lässt für die Platzverhältnisse in der zweiten Reihe ebenfalls nichts gutes vermuten. Aber je länger man sich den Juke anschaut, um ihn herum schlendert und die Details wirken lässt, desto gefälliger wird er. Man muss das Design sicherlich nicht unbedingt mögen – aber den Mut der Verantwortlichen bei Nissan sollte man zumindest anerkennen. Und eines ist nach zwei Wochen Testfahrt gewiss: kaum ein anderes aktuelles Großserienauto sorgt für so viele verdrehte Hälse wie der Juke. Ob nun aus Freude oder Hohn – diese Frage lassen wir an dieser Stelle einfach unbeantwortet.

Wir entern das Cockpit. Die Sitze sind angenehm gepolstert, gut ausgeformt und darüber hinaus mit dickem Leder bezogen. Ebenso wie das sportlich-kleine Lenkrad, dass zwar in der Höhe, nicht aber in der Länge verstellbar ist. Für einen großgewachsenen Fahrer, der naturgemäß den Sitz weit hinten einrasten lässt, nicht optimal. Der Design-Overkill setzt sich im Innenraum übrigens fort. Zwar stehen hier organische Rundungen im Fokus, dafür ist die Farbauswahl gewöhnungsbedürftig. Schwarzer Klavierlack, Plastik in Aluminium-Optik und ein geschwungener Mitteltunnel, der im gleichen „Force Red“ daherkommt, wie das äußere Blechkleid. Auch hier stellt der Juke-Fahrer fest: die Designer hatten ganz groß „ANDERS“ auf der To-do-Liste stehen. Schön kam erst an zweiter Stelle. Macht aber nichts, denn man fühlt sich irgendwie trotzdem wohl im hochwertig verarbeiteten Innenraum. Die Spaltmaße passen, es klappert nichts – so muss es sein.

Das Display ist groß und gut ablesbar, verfügt zudem über eine Touch-Bedienung. Weiter unten findet man dann noch ein zweites Display, das den Fahrer per Knopfdruck entweder über die Klimatisierung oder über das gewählte Fahrprogramm informiert – inkl. G-Kraft Sensor. Ein schöner Spaß, der den jugendlichen Touch des Juke stark unterstreicht. Wählen darf man übrigens aus Normal, Eco und Sport. Was das bedeutet, ist selbsterklärend. Da der Sportmodus noch mehr kreischt als das Standardprogramm, ist man mit Eco gut bedient und rollt deutlich entspannter dahin, weil die Automatik dann nicht auf Teufel-komm-raus versucht, runter zu schalten.

Der Motor – Lautes Kraftwerk

Nachdem man sich an den Innenraum gewöhnt (oder ihn wenigstens akzeptiert) hat, wandert der Finger endlich voller Vorfreude Richtung Startknopf. Immerhin mobilisiert der kleine 1.6-Liter-Benziner ordentliche 190 PS, Turboaufladung sei Dank. Subjektiv ist der Juke ein stürmischer Geselle. Der Blick aufs Datenblatt verrät aber: der Juke ist ein Blender. Denn in der von uns getesteten Version mit CVT-Getriebe vergehen nicht gerade berauschende 8,4 Sekunden für den Standardsprint. Und bei 200 km/h ist dann auch schon Schluss. Natürlich muss man auch nicht schneller fahren, aber ein wenig betrübt es doch zu wissen, dass ein Golf 2.0 TDI mit 140 PS locker vorbeiziehen könnte.

Das der Juke schneller scheint, als er tatsächlich ist, liegt an der Geräuschkulisse. Der Motor ist laut. Nicht sportlich laut. Einfach nur laut. Dröhnend, schlecht gedämmt, aufdringlich. Zu allem übel besitzt der Juke die erwähnte CVT-Automatik, also ein stufenloses Getriebe. Im Klartext heißt das: bei durchgedrücktem Gaspedal schnellt die Drehzahl auf 5.000 Touren und verharrt während des gesamten Beschleunigungsvorgangs dort. Und genau hier kreischt der Juke wie ein ausgedrehter VW Polo 1.0 im ersten Gang. Zu allem Übel gesellen sich dann noch laute Abrollgeräusche der 215er Reifen und spätestens ab 120 km/h störende Windgeräusche dazu. Doch auch die übertönen nicht das kleine Turboaggregat. Selbst auf der Autobahn bleibt das Dröhnen stets präsent. Lange Autobahnetappen werden so mitunter zur Geduldsprobe für das Nervenkostüm, da man sich schon recht früh mit dem Beifahrer nur noch im Disco-Modus unterhalten kann – schreiend.

Ist er denn wenigstens praktisch?

Bedingt. Für zwei Personen bietet er genug Platz, dann stört auch der recht kleine Kofferraum nicht weiter, der den Namen ohnehin kaum verdient. Aber dafür gibt es ja die Rückbank. Bei mehr als zwei Insassen muss sich dort jedoch jemand hineinquetschen. Quetschen nicht unbedingt deshalb, weil die Beinfreiheit so knapp wäre. Nein, denn die ist für die Größe des Juke wirklich ausreichend. Das oben erwähnte abfallende Dach drückt und zwickt allerdings so, dass man sich ein wenig wie im Sportcoupé fühlt. Und dort sind bekanntlich die hinteren Plätze nicht die beliebtesten.

Ist der Nissan Juke nun ein schlechtes Auto? Nein, ganz bestimmt nicht. Er ist anders, und das auf viele Arten. In der Stadt macht er Laune, ist wieselflink, passt in die meisten Parklücken (auch dank Rückfahrkamera) und gewinnt so manches Ampelduell. Er ist aber ganz sicher kein Reisewagen. Da müsste man dann schon ein Regal höher greifen und den großen Bruder Quashquai ausprobieren. Der Juke ist eher ein Auto für Individualisten, die einen Golf nicht mehr sehen können, einen Tiguan zu groß (und teuer) finden und trotz hoher Sitzposition ein sportlich-knackiges Fahrwerk schätzen. Der Juke besitzt alles, was der Durchschnittsautofahrer nicht will – und genau das gibt ihm die Berechtigung, das langweilige deutsche Straßenbild aufzupeppen. Wir werden dem Juke in Zukunft ein Lächeln schenken, wenn er uns begegnet. Wie einer verflossenen Liebschaft, an die man vielleicht nicht nur gute Erinnerungen hat – Spaß hat’s doch trotzdem irgendwie gemacht.

Technische Daten
Modell: Nissan Juke Turbo 4×4
Motor: Vierzylinder Turbo-Benziner, 1618 ccm
Leistung:190 PS bei 5600 U/min
Drehmoment: 240 Nm bei 2000 U/min
Antrieb: Allrad, CVT-Getriebe
Verbrauch: 7,6 L/100 km (Herstellerangabe)
0-100 km/h: 8,4 sek. (Herstellerangabe)
Vmax: 200 km/h
Kofferraumvolumen: 207-786 Liter
Zuladung: 405 Kg
Preis: ab 21.190 Euro