Fahrbericht Opel Insignia 2.0 Turbo 4×4

opel-insignia-2-0-turbo-4x4-5

Bild 1 von 13

Der Name Opel hatte im deutschen Automobilbau seinerzeit wirklich Gewicht. Große Oberklassermodelle vom Schlage eines Admiral, Kapitän oder Diplomat wurden in einem Atemzug mit den Luxusdampfern von Mercedes und BMW genannt. Selbst Politiker nutzten die Marke mit dem Blitz als Staatskarosse.

Heute bringt man die Rüsselsheimer Traditionsmarke nur allzu oft mit den Problemen des Mutterkonzerns GM in Verbindung und vergisst dabei, dass moderne Opel-Modelle in erster Linie durch Qualität und attraktive Preise punkten, dabei absolut auf Augenhöhe mit Wettbewerbern wie Erz-Konkurrent Volkswagen agieren. Und genau diesen Eindruck vermittelte auch unser Testwagen, ein dunkelroter Insignia mit dem hervorragenden 2.0 Liter Turbo-Triebwerk, Allradantrieb und Bombenausstattung inklusive adaptivem Xenonlicht, automatischem Fernlicht, Einparkhilfe, Ledersitzen, Regensensor und vielem mehr.

Innen hui…

Vorurteile – hätten sie vor der ersten Begutachtung des großen Opel auch bestanden – waren spätestens beim Einsteigen und Platznehmen in den großen Ledersesseln wie weggeblasen. Die Hände und auch der Hintern spüren feinste Rinderhaut, das dicke Steuerrad ist unten abgeflacht und verströmt so in Verbindung mit den Alu-Applikationen sportliches Flair. Der Blick wandert durch das großzügig geschnittene Cockpit, das dem des Insignia OPC gleicht, und erblickt (zu) viele Knöpfe, viel Klavierlack und ein großzügig dimensioniertes Display für Navigation und Entertainment, das auf der Mittelkonsole thront, allerdings eine höhere Auflösung vertragen könnte. Einen kleinen Makel offenbart auch die Sitzposition, wenn der Fahrer wie im vorliegenden Fall eine Körperlänge von 1,95 Metern unterbringen muss: das Lenkrad kommt ihm nicht weit genug entgegen, wenn der Sitz notwendigerweise weit hinten einrastet. Ganz entspannt ist die Sitzposition so leider nicht, denn die Arme sind ständig ein wenig stärker gestreckt, als sie sein sollten.

Der Platz auf der Rückbank ist für ein Auto von immerhin 4,84 Metern Länge etwas knapp bemessen, wobei die abfallende Dachlinie der coupéhaften Karosserie den Eindruck optisch sicherlich ein wenig verstärkt, ohne aber in der Praxis wirkliche Einbußen mit sich zu bringen. Trotzdem scheuern die Knie der hinteren Passagiere gerne mal am Vordersitz. Insgesamt aber ist der Insignia außen wie innen ein großes Auto. Dem es leider an der Übersicht mangelt. Parkassistenten sind zwar eine schöne Sache – und der Insignia parkt bei Bedarf fast von alleine ein – aber ein wenig mehr als nur grob erahnen, wo das Auto aufhört, wäre wünschenswert. Besonders die winzige Heckscheibe fällt eher in die Kategorie Guckloch.

…außen auch

Die auffällige Außenhaut des Insignia ist mittlerweile ein bekanntes Bild im deutschen Straßenverkehr. Trotzdem sticht er durch seine feine Coupélinie gerade aus der eher biederen Mittelklasse heraus, traut sich deutlich mehr als VW Passat, Ford Mondeo, Toyota Avensis und Co. Genau genommen gehört der große Opel eher in eine Kategorie mit den großen viertürigen Coupés wie Volkswagen CC oder Mercedes CLS, besonders in der von uns gefahrenen Fließheckversion. Apropos Heck: den Kofferraum des Insignia darf man bei Bedarf mit 530 Litern an Waren befüllen. Wer die Rückbank umklappt – die Kopfstützen bleiben dabei einfach in Position – der blickt in einen Schlund gewaltigen Ausmaßes mit Platz für 1.465 Liter.

Ein Kraftwerk von einem Motor

Ein Opel ist kein BMW. So simpel, so wahr. Dass aber der 2.0 Liter mit Turboaufladung auch jedem BMW-Fan die Freude am Fahren ins Gesicht zaubern würde, ist ebenso Fakt. 250 PS verteilt das Getriebe in unserem Testwagen an alle vier Räder. Diese Kombination aus Kraft und Grip in Verbindung mit der leichtgängigen, aber direkten Lenkung und den 235er Schlappen, die sich um schicke 18 Zoll-Felgen schmiegen, sorgt nicht nur für satten Vortrieb, sondern auch ordentlichen Grip in jeder Lebenslage. Antriebseinflüsse im Lenkrad kennt der Opel nicht, und selbst beim frühen Herausbeschleunigen zieht es den Insignia schnurgerade dem Lenkbefehl folgend aus dem Kurvenausgang.

Wirklich beeindruckend aber ist das Herz des Insignia. Zwei Turbolader beatmen den Vierzylinder mit zwei Litern Hubraum und mobilisieren 250 Pferde. Dank der üppigen 400 Newtonmeter Drehmoment schiebt der Opel bullig an, erreicht die 100 km/h nach nur 7,5 Sekunden. Wenn die linke Spur frei ist, dann rennt er bei Bedarf 242 Kilometer in der Stunde. Das „Linke-Spur-Image“ fehlt dem Insignia allerdings, freiwillig macht für die recht brave Front im Rückspiegel keiner Platz. Umso verdutzter die Blicke von Audi A6 und BMW 5er-Fahrern, wenn der rote Blitz dann lässig vorbeizieht.

Einen großen Teil zum Fahrspaß trägt die gelungene Übersetzung des Sechsgang-Getriebes bei. Bei 160 auf der Autobahn im sechsten Gang zum Überholen ansetzen? Kein Thema, schalten unnötig. Niedrige Drehzahlen mag der ansonsten bärige Motor leider nicht so sehr. Mit 50 km/h im höchsten Gang durch die Stadt cruisen? Das bestraft der Insignia mit unschönem Ruckeln. Ansonsten ist er allerdings ein absoluter Leisetreter, erinnert besonders mit dem in mittleren Drehzahlen seidigen Lauf an einen Sechszylinder. Nur bei hohen Drehzahlen gibt er seinen wahren Charakter preis, aber auch das lediglich mit gleichermaßen gedämpfter wie sportlich-heiserer Akustik.

Was aber die Freude etwas schmälert, ist der Verbrauch. Opel gibt ihn mit 8,5 Litern im Durchschnitt an. Dann darf Papa das Lieblingspedal aber nur mit dem dicken Onkel streicheln. Wer es zwischendurch schon mal fliegen lassen will – und das will man mit 250 PS – der erreicht spielend die 12 Liter-Marke und auch eine 13 vor dem Komma ist keine Kunst. Selbst angesichts des hohen Gewichts, das inklusive Fahrer und vollem Tank an der Zweitonnen-Marke kratzt, täten dem Opel etwas bessere Trinkmanieren gut.

Die Schwächen

Den nicht ganz zeitgemäßen Verbrauch haben wir schon abgehakt. Und darüber hinaus leistet sich Opels Dicker kaum störende Angewohnheiten. Angesichts der ansonsten hervorragenden Vorstellung, die der Insignia abliefert, fallen einige Kleinigkeiten aber umso stärker ins Gewicht.

Da wäre zum Einen die Hutablage. Da sie wegen des Fließhecks nicht fest, sondern nur aufliegend montiert wird und mit der Kofferraumklappe aufschwingt, klappert das Teil auf schlechteren Straßen ohne Unterlass. Im ansonsten flüsterleisen Innenraum ein dickes Minus.

Teilweise verwirrend und wenig durchdacht ist indes die Bedienung des Entertainmentsystems und der Navigation geraten. Warum zum Beispiel komme ich über den Button „Navi“ zwar in die Kartenansicht und kann auch sonst eigentlich alle Funktionen des Navigationssystems nutzen, muss aber für die Zieleingabe den separaten Button „Destination“ drücken? Damit ist eine elementare Funktion des Navis umständlich und unnötig kompliziert zu erreichen.

Zuletzt macht es einem das Fahrwerk bisweilen schwer, den Fahrer hundertprozentig von seiner Souveränität zu überzeugen. Unser Testwagen war mit adaptiven Dämpfern ausgestattet, die dem Fahrer die Wahl zwischen „Normal“, „Sport“ und „Tour“ lassen. Die Sporteinstellung macht Spaß, allerdings auch nur dann, wenn die Straße topfeben ist. Schon kleinste Unebenheiten schütteln die Insassen ordentlich durch. Wer sich dann in der komfortabelsten Einstellung „Tour“ sänftenartiges Gleiten erhofft, wird enttäuscht.

Auch hier ist der Insignia weit davon entfernt, gelassen über kleine Stöße hinwegzusehen. Die 18 Zöller tragen ihren Teil dazu bei, dass der ansonsten so komfortable Opel eher knochig abrollt. Allerdings ist das Verhalten des Fahrwerks ansonsten vorbildlich. Kein Poltern, keine Schläge in der Lenkung und auch Seitenneigung ist unserem Testwagen selbst in zügig gefahrenen Kurven fast völlig fremd.

Ein fahraktives Auto, so würde es wohl die Marketingabteilung nennen. Da kann man ruhig ein bisschen Feedback über die Asphaltbeschaffenheit verkraften. Mit einem unnötigen, aber äußerst gelungenen Schmankerl zaubert der Insignia dann aber sofort wieder ein Grinsen ins Gesicht: die eigentlich weiß-bläulich hinterleuchteten Anzeigen färben sich beim Druck auf „Sport“ blutrot. Da wird der Griff ums Ledervolant automatisch ein wenig fester, der Oberkörper schmiegt sich sicherheitshalber fest in den Sitz, der Blick wird grimmiger und wandert unaufhaltsam Richtung Ampel und zurück auf die hoffentlich freie Straße in der Frontscheibe, mit dem rechten Fuß in freudiger Erwartung zuckend. Nicht nur Seat kennt sich aus mit „Auto Emoción“! Und für einen Kurs von etwa 36.000 Euro lässt sich auf dem deutschen Automobilmarkt nur schwerlich ein vergleichbar ausgestattetes Fahrzeug in dieser Größe und Qualität finden, besonders wenn ein derart kraftvoller Motor drin steckt, der keinen Vergleich mit der Premium-Konkurrenz zu scheuen braucht. Willkommen zurück, Opel!

Technische Daten:
Modell: Opel Insignia 2.0 Turbo 4×4
Motor: Vierzylinder Turbo-Benziner, 1998 ccm
Leistung: 250 PS bei 5300 U/min
Drehmoment: 400 Nm bei 2400 U/min
Antrieb: Allrad, Sechsgang-Schaltgetriebe
Verbrauch: 8,5 L/100 km (Herstellerangabe)
0-100 km/h: 7,5 sek. (Herstellerangabe)
Vmax: 250 km/h
Kofferraumvolumen: 520-1465 Liter
Zuladung: 517 Kg
Preis: ab 38.290 Euro

Opel Insignia 2.0 Turbo im Angebot:

Ähnliche Artikel:

Kommentare geschlossen

Kommentarfunktion abgeschaltet. Zu diesem Artikel können keine Kommentare veröffentlicht werden.